Deike Diening mit dem Vorstand der Stiftung Gesundheit

Publizistik-Preis 2018 – Dankesrede von Deike Diening

Am 17. Mai hat Deike Diening den Publizistik-Preis 2018 auf dem Jahresempfang der Stiftung Gesundheit stellvertretend für ihr fünfköpfiges Team entgegengenommen. Die Stiftung würdigt mit der Auszeichnung den Multimedia-Beitrag „390 Gramm“ über Frühgeburten an der Grenze zur Lebensfähigkeit, der im Dezember 2017 auf Tagesspiegel.de erschien.

Hier können Sie die Dankesrede von Deike Diening nachlesen.


Sehr geehrte Damen und Herren,

Multimedia-Projekte sind wie Filme: Es gibt einen Drehbuchautor, einen Regisseur, Haupt- und Nebendarsteller und sehr viele Leute, ohne die das Ergebnis nie zustande kommen würde.

Deshalb stehe ich hier stellvertretend für die Gruppe von Leuten, ohne die „390 Gramm“ nie erzählt worden wäre: für meine Kollegen Jana Schlütter, Hendrik Lehmann, Helena Wittlich, Michaela Lehr und die Grafiker von Graceful Haste. Es sind Autoren, Fotografen, Programmierer und Grafik-Designer.

Deike Diening mit der Urkunde zum Publizistik-Preis
Deike Diening nimmt stellvertretend den Publizistik-Preis in Empfang, mit dem ihr fünfköpfiges Team für den Multimedia-Beitrag „390 Gramm“ geehrt wurden.
Ich freue mich außerordentlich, dass gerade dieses Projekt ausgezeichnet wird, denn es war von Anfang an in unserer Redaktion eine besondere Geschichte. Zunächst war nur der gewaltige Aufwand absehbar, den eine solche Recherche bedeuten würde, der Ausgang aber völlig ungewiss: Wir wollten über Extremfrühchen berichten, von Frühchen unter 500 Gramm, dort, wo die Grenze von Leben und Tod verhandelt wird. Wir wollten das wissenschaftlich genau tun und über das Emotionale hinaus bis an die Stelle vordringen, an der auch die Medizin herausgefordert ist. Wir wollten von der Grenze des Lebens erzählen und der Rolle des Menschen darin, diese Grenze zu ziehen. Denn hier hatte sich in den letzten dreißig Jahren enorm viel verändert. Und wir hatten vor, das auf eine neue Art zu machen: mit einem Multimedia-Dossier. In der Hoffnung, dass wir so in einer Tiefe erzählen können, die wir mit einer reinen Print-Geschichte nicht erreicht hätten. Dafür hatte sich meine Kollegin Jana Schlütter um ein Stipendium der Masterclass Wissenschaftsjournalismus bei der Bosch-Stiftung beworben.

Im Herbst 2016 konnten wir Christof Dame, Neonatologe an der Berliner Charité, für die Idee gewinnen. Es war klar, die größte Hürde war es, eine Familie zu finden, die bereit sein würde, sich in dieser emotionalen Ausnahmesituation begleiten zu lassen, während das Überleben ihres Kindes noch ungewiss war.

Ostern 2017 wurde Levi geboren, seine Eltern haben sechs Tage nach der Geburt zugesagt, sich in den Wochen bis zur Entlassung begleiten zu lassen. Ich habe größten Respekt vor dieser Entscheidung und weiß nicht, ob ich in einer vergleichbaren Situation selbst dazu bereit gewesen wäre. Denn tatsächlich war der Verlauf ja nicht vorhersehbar. Levi und seine Eltern haben über drei Monate auf der Station verbracht und es ist sehr glücklich ausgegangen. Wir hätten auch – das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt – über diese Grenze des Lebens berichtet, wenn Levi es nicht geschafft hätte. Dann wäre es eine vollkommen andere Geschichte geworden.

Es passiert nicht so häufig, dass man bei einer Tageszeitung so viel Zeit und Raum für ein Thema erhält: eine Recherche über mehrere Monate, eine Doppelseite in der Print-Ausgabe und Ressourcen für das Multimedia-Dossier mit Grafiken, zusätzlichen Interviews und einer 360-Grad-Aufnahme.

Wir hatten uns von dem Dossier erhofft, Dinge einfach zeigen zu können, die man sonst nur sehr schwer erklären kann – wie die genaue Funktionsweise der Inkubatoren zum Beispiel. Jeder kann dann so weit in die medizinischen Details eintauchen, wie es ihn interessiert.

Ich schreibe nicht ausschließlich über medizinische Themen, sondern mache Porträts, schreibe Reportagen und begleite Politiker. Umso mehr fallen mir einige Dinge auf, die den medizinischen Geschichten gemein sind. Sowohl bei einer Geschichte über eine Lebertransplantation wie der über eine Lungen-Lebendspende: Ich bin bei Medizinern immer auf große Genauigkeit gestoßen, gepaart mit einer gewissen Unerschrockenheit, die man nicht mit Kälte oder Empathielosigkeit verwechseln sollte.

Mediziner – wenn es gute sind – halten es aus, genau hinzuschauen. Auch, wenn es nicht so erfreulich ist, was sie sehen. Ja gerade dann! Sie sehen dann nämlich noch länger hin, immer mit der Frage: Was ist es eigentlich genau, was wir hier vor uns haben? Ist das schon einmal aufgetreten? Womit lässt es sich vergleichen? Wie sind die kleinen Veränderungen zu bewerten, die aber große Wirkungen haben können? Wenn etwas einmal nicht so scheint, wie sie es erwarten, sind sie nicht gekränkt oder beleidigt, sondern herausgefordert. Denn dann wird es erst richtig interessant.

Diese Haltung, diese Fragen, sind etwas, das sie mit Journalisten – wenn es gute sind – gemein haben: Die Überzeugung, dass vor dem Urteil die Diagnose kommt. Deshalb freue ich mich über diese Auszeichnung umso mehr.

Deike Diening bei der Verleihung des Publizistik-Preises der Stiftung Gesundheit am 17. Mai 2018