Präeklampsie

Präeklampsie – eine häufige Schwangerschaftskomplikation ist vermeidbar!

Glücklicherweise verlaufen die meisten Schwangerschaften komplikationslos. Da dieses aber leider nicht immer so ist, verwenden wir heutzutage viel Energie darauf, Risiken möglichst frühzeitig zu erkennen.  Besonders das Erkennen von genetischen Störungen ab der 11. Schwangerschaftswoche ist dabei von Bedeutung: Durch Ultraschall und das Screening mittels zellfreier DNA (NIPT) kann zum Beispiel ein kindliches Down-Syndrom mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Leider können wir aber hierfür keine Prophylaxe anbieten.

Die modernen Screeningmethoden können aber viel mehr! Es ist möglich, sogenannte maternofetale Erkrankungen vorherzusagen, wie zum Beispiel die Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung). Solche schwangerschaftsbedingten Störungen sind etwa zehnmal so häufig wie genetische Störungen und grundsätzlich sogar vermeidbar. Die Präeklampsie tritt in Deutschland in ca. fünf Prozent der Schwangerschaften auf und ist die häufigste benennbare Ursache einer Frühgeburt. Besonders betroffen sind Schwangere ab 35 Jahren, mit Mehrlingen, mit Vitamin-D-Mangel, Erstgebärende sowie Frauen mit Diabetes oder rheumatischen Erkrankungen. Es besteht ein hohes Wiederholungsrisiko.

Wie lassen sich Präeklampsien erkennen und vermeiden?

Durch eine Kombination aus mütterlicher Anamnese, Blutdruckmessung, Doppler-Ultraschall und zwei Hormonwerten (PAPP-A und PlGF) aus dem mütterlichen Blut können wir in der 11.-14. Schwangerschaftswoche bis zu 93 Prozent der späteren Präeklampsien erkennen. Diese Messungen lassen sich ideal mit der Ersttrimesteruntersuchung auf genetische Störungen kombinieren. Wir testen dabei ca. zehn Prozent der Schwangeren „auffällig“. Das Gute ist, dass man dann durch den sofortigen Beginn einer niedrigdosierten Prophylaxe mit ASS (z. B. Aspirin 150 mg) das Erkrankungsrisiko um bis zu 82 Prozent senken kann (ASPRE-Trial). Ein Risiko für das Kind ist nicht bekannt.

Die Schwangeren mit einem unauffälligen Testergebnis können wir also beruhigen, dass sie höchstwahrscheinlich auch ohne weitere Maßnahmen eine unauffällige Schwangerschaft zu erwarten haben. Denjenigen mit einem auffälligen Testergebnis bieten wir eine einfache und effektive Prophylaxe mit ASS an. Selbstverständlich würde man dann auch die Schwangerschaftsvorsorge risikoadaptiert intensivieren: Regelmäßige Blutdruckmessungen, Doppler-Ultraschalluntersuchungen sowie eine Überwachung der gefäßbildenden plazentaren Biomarker sFlt-1 und PlGF über mütterliche Blutentnahmen wären die logische Konsequenz. Dadurch gelingt es, trotzdem entstehende Präeklampsien mit einer Vorwarnzeit von bis zu vier Wochen zu erkennen. In dieser Zeit kann man z. B. in Ruhe eine geeignete Geburtsklinik auswählen.

Das Präeklampsie-Screening wird mittlerweile in entsprechenden Leitlinien empfohlen (z. B. Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen: Diagnostik und Therapie. AWMF-Leitlinien 2019). Leider wird es aber immer noch nicht überall angeboten. Diese Verzögerung ist medizinisch nicht zu rechtfertigen.

 

Autor:

Dr. Wolf-Henning Becker

Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin

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