Bild: Organspendeausweis

Immer weniger Organspender in Deutschland

Wer morgen in der Erfurter Altstadt spazieren geht, dem werden mit Sicherheit die vielen Menschen auf dem Domplatz auffallen. Einige werden Schilder mit Zahlen darauf hochhalten, die anzeigen, wie viele Lebensjahre ihnen ein gespendetes Organ geschenkt hat. Andere werden auf einer Bühne ihre Transplantationsgeschichte erzählen. Am bundesweiten Tag der Organspende danken sie im Rahmen der zentralen Veranstaltung den Menschen, die sich zu Lebzeiten für eine Organspende entschieden haben und denen, die sich über das Thema Gedanken machen – getreu dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig.“

Hatte ich nicht auch mal einen Organspendeausweis?

Ich erinnere mich, dass meine Krankenkasse mir vor einiger Zeit einen Flyer mit heraustrennbarem Spenderausweis zugeschickt hatte. Ich krame in meinen Unterlagen und halte ihn kurz darauf in den Händen. Doch was mache ich nun damit? „Direkt ausfüllen“, sagt mein Kopf. Dennoch zögere ich – und ärgere mich gleichzeitig darüber, dass es mir so schwer fällt, die eigentlich logische Entscheidung schwarz auf weiß festzuhalten. Meine Organe könnten anderen Menschen das Leben retten. Was gibt es da zu überlegen? Aber emotional kann ich mich nicht überwinden. Ich hätte gern mehr Zeit zum Nachdenken. Aber dann wird der Organspendeausweis wieder in meiner Schreibtischschublade statt in meinem Portemonnaie landen.

Das Problem des Nicht-Handelns

So wie mir geht es offenbar auch vielen anderen, denn die Anzahl der Organspender in Deutschland geht tendenziell zurück. Was daran liegen könnte, dass der Organspendeausweis in Deutschland nicht verpflichtend ist. Das führt nämlich dazu, dass viele das unangenehme Nachdenken über den eigenen Tod bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinausschieben – und damit letzten Endes als möglicher Spender ausfallen. Die Krankenkassen schicken zwar ihren Mitgliedern ab dem 16. Lebensjahr Informationsmaterial zu. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schaltet auf unterschiedlichen Kanälen große Aufklärungskampagnen. Viele Arztpraxen und Apotheken legen Informationsmaterial aus. Aber letzten Endes entscheidet jeder für sich, ob er sich mit dem Thema auseinandersetzen und einen Spendenausweis ausfüllen mag. Mit dieser Entscheidungslösung ist Deutschland übrigens eine echte Ausnahme in Europa: Die meisten unserer Nachbarn setzen auf die sogenannte Widerspruchslösung. Hierbei ist jeder automatisch Organspender, es sei denn, er trägt eine schriftliche Widerspruchserklärung bei sich. Auch ich mit meiner zögerlichen Haltung wäre dort zunächst einmal Spender, solange ich keinen Widerspruch niederschreibe.

Ich will selbst entscheiden

Eines ist mir aber klar: Ob ich mich nun für oder gegen die Organspende entscheide – ich möchte, dass die Ärzte meine Entscheidung im Falle des Falles beachten. Also muss ich sie auch festhalten. Deshalb gehört der Organspendeausweis auch ins Portemonnaie, damit bei einem tödlichen Unglück sofort klar ist, ob ich meine Organe und Gewebe spenden möchte – oder eben nicht. Ansonsten würde man vermutlich meine Angehörigen fragen, was mit meinen Organen passieren soll. Das will ich nicht. Denn sicher hätten meine Verwandten nach der Nachricht meines Todes ganz andere Sorgen, als sich mit dem Verbleib meiner Innereien zu beschäftigen. Diese Entscheidung möchte ich niemandem aufbürden. Deshalb werde ich sie jetzt selbst treffen.

Unterschiedliche Entscheidungsvarianten

Nachdem ich mich dazu durchgerungen habe, den Ausweis jetzt auszufüllen, fällt es mir deutlich leichter, mich mit den Details zu beschäftigen. So kann ich mich damit einverstanden erklären, nach der ärztlichen Feststellung meines Todes alle verfügbaren Organe und Gewebe zu spenden. Ich kann aber auch Einschränkungen vornehmen. Zum Beispiel weiß ich von Freunden, dass sie keinesfalls ihr Herz spenden möchten. All das kann man auf dem Ausweis vermerken. Natürlich kann ich mein Kreuz auch bei „Nein, ich widerspreche einer Entnahme von Organen oder Geweben“ setzen. Auch das müssen Ärzte dann respektieren. Und sogar meine Unsicherheit kann ich zum Ausdruck bringen: Der Ausweis bietet die Möglichkeit, eine Person zu bestimmen, die mir die Entscheidung abnimmt. Dazu muss ich Name, Adresse und Telefonnummer meiner Vertrauensperson eintragen. Beruhigend finde ich auch, dass meine Entscheidung für oder gegen die Organspende keinesfalls endgültig sein muss, denn die Angaben werden nirgendwo gespeichert. Ich kann meine Entscheidung also immer wieder überdenken und einen neuen Organspendeausweis ausfüllen, wenn sich meine Meinung ändert. Unter https://www.organspende-info.de/organspendeausweis/bestellen kann ich mir jederzeit einen neuen Blanko-Ausweis bestellen oder herunterladen und selbst ausdrucken.

Potenzieller Lebensretter

Der fertige Organspendeausweis steckt jetzt endlich in meinem Portemonnaie. Ich möchte natürlich nicht hoffen, dass mir etwas zustößt, aber wenn, dann könnte ich jetzt einem oder sogar mehreren der über 10.000 Menschen, die derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, das Leben retten. Und wer weiß – vielleicht gerate auch ich irgendwann einmal in die Situation, ein Spenderorgan zu benötigen. Dann wäre ich darauf angewiesen, dass ein anderer Mensch über seinen Tod hinausdenkt, um mir ein neues Leben zu schenken. Dafür wäre ich vermutlich unendlich dankbar – so wie all die Menschen, die morgen auf dem Erfurter Domplatz stehen werden.
Bild: Organspendeauswes, bzga.de

von Nele Schümann, 02. Juni 2017

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