Keine Blindheit gegenüber dem Leid: Dr. Kretz behandelt Patienten in Kambodscha

Laut Khmer Sight Foundation sind über 180.000 Menschen in Kambodscha blind. 90 Prozent der Menschen mit einer Erblindung könnte geholfen werden, wenn ausreichend finanzielle Mittel und Personal zur Verfügung stünden. Doch Kambodscha ist eines der Länder mit der niedrigsten Anzahl an Augenspezialisten pro Einwohner weltweit. Um den Menschen vor Ort zu helfen und sein Wissen weiterzugeben, reist Dr. Florian Kretz einmal im Jahr ehrenamtlich nach Kambodscha. Für seinen Einsatz erhält der Facharzt für Augenheilkunde aus Rheine in Nordrhein-Westfalen die Auszeichnung Dr. Pro Bono.


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Dr. Florian Kretz ist Augenspezialist und Dr. Pro Bono.

Wie setzen Sie sich für das Gemeinwohl ein?

Die Leidenschaft für meinen Beruf hört bei mir im Praxisalltag nicht auf. Deshalb fliege ich einmal im Jahr nach Kambodscha und operiere und behandle Patienten vor Ort, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder keine Mittel für die Behandlung hätten. Ziel ist aber nicht nur die Akut-Hilfe, sondern auch eine Multiplikatoren-Strategie umzusetzen. Deshalb bilde ich lokale Ärzte aus, die das neu erworbene Wissen dann ihrerseits an Kollegen vor Ort weitergeben können. 2018 hat mich erstmals mein OP-Team begleitet, sodass wir auch das lokale Pflegepersonal schulen konnten.

Seit wann sind Sie ehrenamtlich tätig?

2014 war ich erstmals in Uganda ehrenamtlich tätig. Im Jahr darauf war ich ein weiteres Mal dort, aber ich wollte mit meinem Engagement unmittelbar helfen und außerdem auch langfristig etwas für die medizinische Versorgung vor Ort tun. Das war in Uganda in dieser Form nicht möglich, sodass ich mich über andere Hilfsprojekte informiert habe. So bin ich letztlich auf die Khmer Sight Foundation gestoßen, wo ich mich seit 2016 engagiere.

Warum engagieren Sie sich in dieser Form?

Meine Frau und ich haben uns nach der Arbeit in Uganda mehrere Hilfsprojekte in verschiedenen Ländern angeschaut. Am meisten beeindruckt hat uns die Arbeit der Khmer Sight Foundation, sodass wir nicht nur Vorstandsmitglieder der gemeinnützigen Organisation geworden sind, sondern auch regelmäßig vor Ort helfen. In Kambodscha sind über 180.000 Menschen blind. Bei über 90 Prozent davon handelt es sich um eine sogenannte „vermeidbare Erblindung“, die einfach behandelt werden könnte, wenn ausreichend Mittel und Mediziner vorhanden wären. Der Kampf, den die Khmer Sight Foundation kämpft, richtet sich vor allem gegen diese vermeidbare Erblindung. Sehen sollte kein Privileg sein und ist grundlegend für eine bessere Zukunft. Mit meinem Engagement hoffe ich, einen kleinen Teil zu dieser Zukunft beitragen zu können.

Planen Sie in Zukunft noch andere ehrenamtliche Projekte?

Der Blick richtet sich oft auf die Ärmsten der Armen in Dritte-Welt-Ländern, weil die Armut, das Leid und die Umstände dort oft um ein Vielfaches höher ausgeprägt sind, als in einem Land wie Deutschland. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier großes Leid und es besteht definitiv Bedarf an ehrenamtlicher, ärztlicher Arbeit. Aus diesem Grund plane ich zukünftig neben meinem sozialen Engagement in Kambodscha auch ehrenamtlich in Deutschland tätig zu werden. Es gibt einige Projekte, die ich aufmerksam verfolge und ich hoffe, schon bald in einem davon aktiv mitwirken zu können.

Wo besteht aus Ihrer Sicht noch Bedarf an ehrenamtlicher, ärztlicher Arbeit?

Grundsätzlich besteht an allen Ecken und Enden Bedarf für zusätzliche ehrenamtliche medizinische und ärztliche Arbeit und das sowohl im In- als auch im Ausland. In Schwellen- oder Dritte-Welt-Ländern ist die medizinische Versorgung oft sehr schlecht; was zum einen infrastrukturell und zum anderen auch schlicht durch Mangel an Ressourcen bedingt ist. Aber auch in Industrienationen und reicheren Ländern gibt es stets Randgruppen oder sogar Parallelgesellschaften, die selbst- oder fremdbestimmt von der medizinischen Versorgung abgeschnitten sind. Als Beispiel könnte man in Deutschland Obdachlose heranziehen. Sie existieren außerhalb des Systems und werden häufig gemieden und ignoriert. Viele verschließen die Augen und wollen nicht sehen, dass hier Hilfe nötig ist und zwar infrastrukturell, menschlich und medizinisch.

Bild: @budhelisson/unsplash