Dolmetscher für Pflegende

Erste Hilfe bei Sprachbarrieren in der Pflege

Maren Lach, Pflegedienstleiterin und Buchautorin
Maren Lach,
Pflegedienstleiterin und Buchautorin
Autorin Maren Lach, Pflegedienstleiterin an der Klinik in Preetz, spricht im Interview mit der Stiftung Gesundheit über ihr Buch „Dolmetscher für Pflegende- Übersetzungshilfe und kulturelle Hintergründe in 14 Sprachen“. Eine russische Patientin wird nach einem Unfall an der Ostsee in das nächstgelegene Krankenhaus eingeliefert. Sie muss schnellstmöglich operiert werden. Doch keiner der Anwesenden spricht russisch. Niemand kann ihr erklären, dass sie ab sofort nüchtern bleiben muss, eine Schmerzinfusion gelegt bekommt und auf die Operation vorbereitet wird. Die Sprachbarriere wird zum Problem. Die Patientin hat Angst. Als Pflegedienstleiterin an der Klinik in Preetz kennt Maren Lach solche Situationen. Und immer wieder stellte sie sich die Frage: Was tun, wenn keine Dolmetscher erreichbar sind? So entwickelte sie die Idee für den „Dolmetscher für Pflegende“. Wie das Buch Gestalt angenommen hat und welche Reaktionen auf das Projekt kommen, erzählt die Autorin im Interview.

Wie ist die Idee zum „Dolmetscher für Pflegende“ entstanden?

Zwar habe ich inzwischen selbst keinen direkten Kontakt mehr zu den Patienten, aber meine Kollegen sind an mich herangetreten: Sie fühlten sich manchmal sehr hilflos, wenn fremdsprachige Patienten in die Klinik eingeliefert wurden und kein Dolmetscher verfügbar war. Zwar gibt es in vielen Krankenhäusern Dolmetscherlisten, auf denen die mögliche Ansprechpartner für unterschiedliche Sprachen verzeichnet sind, aber durch Schichtbetrieb, Krankheit oder Urlaub sind die betreffenden Mitarbeiter nicht rund um die Uhr abrufbar. Aus dieser Not heraus kam mir die Idee zum Dolmetscher-Handbuch.

Wie lange hat die Entwicklung des „Dolmetschers für Pflegende“ gedauert?

Alles hat mit einer kleinen, einjährigen Projektarbeit begonnen. Zwei Mitarbeiter aus dem Pflegebereich haben mir geholfen, die wichtigsten Fragestellungen zu sammeln und zu kategorisieren. Besonders wichtig bei der Zusammenstellung der Fragen und Aussagen war mir hierbei der Praxisbezug. Deshalb bin ich direkt an die Pflegekräfte herangetreten und habe sie gefragt, was genau zwischen Pfleger und Patient kommuniziert wird. Die Umgangssprache ist hier von entscheidender Bedeutung. Es geht ja nicht darum, die ärztliche Fachsprache abzubilden und OP-Abläufe zu erklären. Es geht um eine pflegerisch relevante Übersetzung, keine medizinische! Die Pfleger müssen beispielsweise die Patienten fragen können, wann sie das letzte Mal etwas gegessen haben, ob Allergien vorliegen und wo genau sie Schmerzen haben. Das sind grundlegende Dinge, die entscheidend für die Weiterbehandlung durch den Arzt sind.

Wie ging es nach dem Projektjahr weiter?

Als nächsten Arbeitsschritt habe ich die hauseigenen Dolmetscher angesprochen. Das sind bei uns Kollegen aus den unterschiedlichsten Abteilungen, beispielsweise aus der Hausverwaltung, der IT-Abteilung und natürlich aus dem Pflegebereich. Insgesamt haben sechzehn Kollegen an den Übersetzungen mitgearbeitet. Oft haben diese auch ihre Familien und Freunde mit ins Boot geholt. Ich habe aber auch Menschen aus der Stadt um Unterstützung gebeten. Bei der Übersetzung ins Griechische haben mir zum Beispiel die Mitarbeiter eines griechischen Restaurants geholfen. Auch die Flüchtlingshilfe in Preetz war sehr engagiert: Gemeinsam konnten wir eine syrische Dame ausfindig machen, die bei der Übersetzung ins Kurdische geholfen hat. Ich habe so viele aufgeschlossene Menschen kennengelernt, die gerne ehrenamtlich mitgearbeitet haben, weil sie die Notwendigkeit für die Entwicklung eines solches Buch sehen und nachvollziehen konnten.

Welche Art von Feedback bekommen Sie? Haben Sie damals damit gerechnet, dass das Projekt so ein Erfolg wird?

Das beste Feedback sind die Anekdoten aus dem Alltag der Pflegekräfte, die beweisen, dass das Buch Anwendung findet. Zum Beispiel berichtete mir eine unserer Pflegerinnen, dass sie dank des Buches einen viel besseren Draht zu einem älteren, meist grimmig dreinblickenden Patienten bekommen hat – und das eigentlich aus Versehen: Sie hat auf eine Frage im Dolmetscher-Handbuch gezeigt und ist dabei versehentlich in der Zeile verrutscht. Der Patient war irritiert, denn das Gezeigte ergab keinen vernünftigen Sinn. Nach kurzem Stirnrunzeln erkannten beide dann das Missverständnis und mussten herzlich lachen. Von da an war das Eis gebrochen, denn der Patient hatte gemerkt, dass sich die Pflegerin bemühte, ihn zu verstehen und verstanden zu werden, und schöpfte Vertrauen zu ihr. Ähnliche Situationen höre ich von vielen Kollegen. Und viele geben mir auch neue Anregungen und schlagen weitere Sprachen vor, die sie sich für die nächste Auflage wünschen. Beispielsweise liegen die ersten Übersetzungen in Albanisch und Italienisch bereits auf meinem Schreibtisch. Mit einem so großen Erfolg hätte ich niemals gerechnet. Am Anfang hatte ich ein kleines handgebundenes Büchlein mit Leimfixierung und bunten Zetteln – jetzt ist es ein Buch, das täglich vielen Pflegekräften auf der Station den Arbeitsalltag erleichtert.

Informationen zum Buch

Buchcover: Dolmetscher für Pflegende
Buchinformationen:
Autorin: Maren Lach Titel: Dolmetscher für Pflegende.
Übersetzungshilfen und kulturelle Hintergründe in 14 Sprachen
Verlag: Springer- Verlag Berlin Heidelberg 2016
ISBN: 978-3-662-48819-5
Das Buch „Dolmetscher für Pflegende“ ist 152 Seiten stark. Dem einleitenden Kapitel zur Benutzung des Werkes schließen sich weitere 14 Kapitel zu den am häufigsten in deutschen Krankenhäusern gesprochenen Sprachen an: Arabisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Schwedisch, Serbokroatisch, Sorani/Kurdisch, Spanisch und Türkisch. Jedes Kapitel besteht aus zwei Teilen: Zuerst gibt die Autorin wichtige Informationen zum kulturellen Hintergrund des fremden Landes. Diese Hinweise sind kurz und prägnant formuliert und auf den Arbeitsbereich der Pflegekräfte abgestimmt. Beispielsweise liefern sie wertvolle Informationen darüber, welche besonderen Anschauungen die jeweilige Kultur zu Themen wie Geburt, Ernährung, Hygiene und Tod hat. Daran anschließend folgen die Übersetzungstabellen: Die wichtigsten Sätze, die den Arbeitsalltag zwischen Pflegekräften und Patienten bestimmen, sind tabellenartig aufgelistet. Pflegekräfte können einfach auf einen Satz deuten und so nonverbal mit dem Patienten in Kontakt treten.

von Nele Schümann, 22. Mai 2017

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