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Ärzte wettern gegen Heilpraktiker: Pendeln Patienten zwischen Parallelwelten?

Münsteraner Wissenschaftler fordern Reform des Heilpraktikergesetzes

17 Wissenschaftler und Ärzte aus Münster wollen den Beruf des Heilpraktikers abschaffen oder zumindest das Heilpraktikergesetz reformieren. Der sogenannte „Münsteraner Kreis“ hat mit einem zwölfseitigen Memorandum die Debatte um Ausbildungsstandards und Wirkungsfeld der Heilpraktiker angestoßen. Der Hauptkritikpunkt: Es gibt keine Richtlinien zur Ausbildung oder Qualitätskontrolle für Heilpraktiker. In anderen Bereichen der Wirtschaft sei das unvorstellbar: „Es wäre undenkbar, Brückenbau auf der Grundlage spiritueller Statik zuzulassen oder jemandem die Steuerung eines Flugzeuges anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop über die Sage des Ikarus besteht.“

Staatliche Anerkennung des Berufes sorge für Verwirrung

Das Nebeneinander von ärztlichen Bezeichnungen und Heilpraktikern sei für Patienten kaum zu durchschauen, heißt es im Statement der Münsteraner Wissenschaftler. Insbesondere die gesetzlich fixierte Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“, sorge für Verwirrung. Denn es sei fraglich, ob Patienten einschätzen könnten, dass die staatliche Zulassung weder Qualität noch Kompetenz garantiere. Viele würden glauben, die heilpraktische Praxis sei eine gleichwertige Alternative zur Arztpraxis. Dabei sind schon die Ausbildungswege grundverschieden: Ärzte müssen mindestens sechs Jahre Studium und wenigstens fünf Jahre Facharztweiterbildung vorweisen. Erst dann dürfen sie sich mit einer Praxis niederlassen. Angehende Heilpraktiker müssen nur eine einzige Hürde meistern – einen zweistündigen Multiple-Choice-Test. Bestehen sie diese Prüfung, dürfen sie sich als staatlich zugelassener Heilpraktiker niederlassen. Das wird der „Komplexität des heute bekannten Krankheitsspektrums“ nicht gerecht, finden die Münsteraner Wissenschaftler.

Das Heilpraktikergesetz – ein Relikt aus dem dritten Reich

Das noch heute gültige Heilpraktikergesetz wurde im Februar 1939 erlassen. Das „Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung“ diente den Nationalsozialisten vornehmlich, um Ärzte jüdischer Abstammung oder Mediziner, deren Ehepartner „nicht deutschen oder artverwandten Blutes ist“, aus den Heilberufen auszuschließen. Wer weiterhin als Heilpraktiker tätig sein wollte, musste sich innerhalb von sechs Wochen registrieren und von Amtsärzten prüfen lassen, um die offizielle Erlaubnis zu erhalten. Nach Ablauf der Frist wurde allen übrigen ein Berufsverbot ausgesprochen. Gleichzeitig wurden alle Heilpraktikerschulen verboten. Damit war das Aussterben des Berufes „Heilpraktiker“ von den Nationalsozialisten in die Wege geleitet. In der Nachkriegszeit galt das Gesetz weiterhin fort. Das Grundgesetz der Bundesrepublik schreibt freie Berufswahl vor. Daher erklärt das Verfassungsgericht 1952 das Ausübungs- und Ausbildungsverbot für verfassungswidrig und setzt es außer Kraft. Alternative Heiler können seitdem wieder praktizieren und ausgebildet werden.

Zulassungsvoraussetzungen

Die Münsteraner Wissenschaftler bemängeln in ihrem Statement vor allem, dass die gesetzlichen Hürden für angehende Heilpraktiker zu niedrig seien. Die Zulassung als Heilpraktiker verlange keinerlei wissenschaftlich fundierte oder standardisierte Ausbildung. Die angehenden Heilpraktiker müssen lediglich mindestens 25 Jahre alt sein. Dazu müssen sie eine abgeschlossene Volksschulbildung, ein polizeiliches Führungszeugnis und eine ärztliche Gesundheitsbescheinigung vorlegen. Außerdem sollen sie ihre körperliche und geistige Eignung nachweisen lassen.

Prüfung soll Gefahr für Patienten ausschließen

Der Staat schreibt allerdings nicht vor, wie die medizinischen Kenntnisse erlangt werden sollen, sondern bewertet lediglich den Wissensstand zum Zeitpunkt der Prüfung. Anwärter könnten sich also auch autodidaktisch vorbereiten. Der zweistündige Test beinhaltet neben Gesetzeskunde vor allem Grundkenntnisse aus der Medizin – Anatomie und Physiologie, allgemeine Krankheitslehre, insbesondere Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen und Techniken der Krankenuntersuchung. Darüber hinaus prüfen die Zulassungsstellen den Umgang mit Laborwerten sowie Injektions- und Punktionstechniken. Der Test darf so oft wie nötig wiederholt werden. Wer ihn besteht, darf als Heilpraktiker die Heilkunde ausüben. Die Zulassungsprüfung soll außerdem sicherstellen, dass Heilpraktiker erkennen, zu welchem Zeitpunkt die Hilfe eines Arztes notwendig ist.

Freie Entscheidung auch bei der Wahl der Behandlung

Patienten dürfen selbst entscheiden, welche Behandlungsmethoden sie sich wünschen. Chronisch Kranke oder austherapierte Patienten, bei denen die Schulmedizin keine Hoffnung mehr verspricht, suchen oftmals Hilfe bei den Heilpraktikern. Auch Menschen, die eine Abneigung gegen die Pharmaindustrie hegen, wenden sich in der Regel an alternativmedizinische Behandlungsangebote. Der Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Christian Wilms, teilt in einem Interview mit der Deutschen Welle seine Erfahrungen: „Also, die Patienten, die zu uns kommen, sind nahezu 100 Prozent auch in ärztlicher Behandlung. Der Erstkontakt mit dem Heilpraktiker kommt meist erst dann zustande, wenn man eine Erkrankung hat, die man nicht zufriedenstellend behandelt bekommt.“ Heilpraktiker sähen sich dabei selbst nicht als Ärzte, sondern als Ergänzung zu der schulmedizinischen Behandlung. „Das ist keine Konkurrenz, sondern es ist eine Alternative oder ein Zusatz, den man machen kann – keine Konkurrenz“, sagt Wilms. Heilpraktiker dürfen zwar Diagnosen stellen und Behandlungen durchführen, beispielsweise Infusionen legen. Wenn ärztliche Hilfe vonnöten ist, verweisen viele Heilpraktiker ihre Patienten an einen Arzt. Denn wenn es um Medikamente geht, ist der Handlungsspielraum der Heilpraktiker eingeschränkt: Sie haben keinen Zugang zu Betäubungs- oder Schmerzmitteln.

Wissenschaftler aus Münster fordern Reform

Der Münsteraner Kreis fordert in seinem Memorandum, das Berufsrecht der Heilpraktiker neu zu strukturieren. Die Reform dürfe das Selbstbestimmungsrecht der Patienten nicht beschneiden, aber trotzdem müsse das „Missverhältnis von Qualifizierung und Befugnissen der Heilpraktiker“ korrigiert werden. Dazu stellen die Wissenschaftler aus Münster zwei mögliche Lösungswege vor: Die sogenannte Kompetenzlösung sieht vor, einen Ausbildungsstandard für Heilpraktiker festlegen. Anschließend wäre die Bezeichnung „Heilpraktiker“ lediglich ein Anhang an eine Heilberufsbezeichnung. Zum Beispiel könnten sich dann Physiotherapeuten mit einer zusätzlichen, fachspezifischen Ausbildung als Fach-Heilpraktiker in ihrem Bereich bezeichnen. Der zweite Vorschlag zielt dagegen auf die komplette Abschaffung des Heilpraktikerberufs ab: Der staatlich geschützte Beruf des Heilpraktikers würde nach der sogenannten Abschaffungslösung für nichtig erklärt werden. „Medizinische Parallelwelten mit radikal divergierenden Qualitätsstandards, wie sie aktuell im deutschen Gesundheitswesen in Form von Doppelstandards bei Ergebnisbewertung und Qualitätskontrolle bestehen, sind für eine aufgeklärte Gesellschaft nicht akzeptabel“, heißt es in dem Statement der Wissenschaftler aus Münster. Christian Wilms kritisiert das Vorgehen der Münsteraner. Schließlich hätten die Wissenschaftler über einen ganzen Berufsstand geurteilt, ohne dabei jemanden daraus zu befragen. „Das Fazit, den Heilpraktiker entweder so stark zu beschränken, dass er nicht mehr selbstständig arbeiten darf oder ihn am besten ganz abzuschaffen – das erschreckt mich zunächst mal total. Die ganze Vorgehensweise erschreckt mich, was am Ende dabei rauskommt erschreckt mich“, resümiert Wilms im Interview mit der Deutschen Welle.

von Nele Schümann