Problemlöser mit unternehmerischem Geist

Social Entrepreneurs sind Motoren für soziale Innovationen – und ideale Partner für Stiftungen

Ein Artikel von Rainer Höll

Sie bringen junge Flüchtlinge zum Hauptschulabschluss, gliedern rechtsextremistische Gewalttäter wieder in die Gesellschaft ein und verbessern mit Blinden die Krebsvorsorge. Social Entrepreneurs machen sich im Hauptberuf für die Gesellschaft mitverantwortlich. Mit unternehmerischem Geist entwickeln sie innovative Konzepte mit enormem Wert für das Gemeinwesen. Doch eine passende Förderlandschaft existiert noch nicht.

Der Begriff Social Entrepreneurship begegnet uns überall. Universitätsprofessuren mit diesem Namen entstehen bundesweit, Unternehmen bezeichnen sich als „Social Enterprise“, Hochschulabsolventen wollen Social Entrepreneurs werden, die Engagementstrategie der Bundesregierung bezeichnet Social Entrepreneurs als wichtige Akteure der sozialen Innovation. Aber was steckt hinter dem Phänomen?

Ein Beispiel hilft: Der Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann aus Duisburg wollte sich nicht damit abfinden, dass es für Frauen unter 50 in Deutschland keine richtige Früherkennungsmethode für Brustkrebs gab. Und das, obwohl bundesweit jährlich 100.000 Frauen an Brustkrebs erkranken. Für Frauen unter 50 ist die präventive Mammographie nicht erlaubt. Für eine adäquate Tastuntersuchung der Brust gibt es weder eine strukturierte Ausbildung, noch haben Ärzte in der Routinesprechstunde genügend Zeit dafür.

Hoffmann kam auf die Idee, blinde Frauen als „Medizinische Tastuntersucherinnen“ (MTU) auszubilden. Als privates Engagement entwickelte er gemeinsam mit Berufsförderwerken eine entsprechende Ausbildung.

Heute führen bereits 16 MTUs in gynäkologischen Praxen Tastuntersuchungen durch. Sie haben 8.000 Frauen untersucht und mit ihrem überragenden Tastvermögen bei knapp 500 davon Tastbefunde als verdächtig eingestuft, die dem Arzt nicht aufgefallen wären. Sie können sich außerdem für die intime Untersuchung eine halbe Stunde Zeit nehmen – eine Re-Humanisierung von Medizin. Und mit den MTUs widerlegt Frank Hoffmann das Paradigma, dass Blinde vor allem Defizite haben. Er zeigt, dass sie im Gegenteil Talente und Begabungen haben, auf die wir nicht verzichten können.

Frank Hoffmann ist ein Social Entrepreneur, seine Organisation heißt „Discovering Hands“. Als engagierter Bürger hat er eine innovative Lösung für ein soziales Problem entwickelt, deren Wert für die Gesellschaft enorm ist. Ihrer möglichst schnellen Verbreitung möchte er nun seine ganze Zeit widmen – ohne das Ziel der Gewinnmaximierung.

Menschen wie Frank Hoffmann gab es natürlich schon früher. Sie haben viele gesellschaftliche Innovationen hervorgebracht, die unser Leben heute noch prägen: Florence Nightingale, die Begründerin der Krankenpflege, Maria Montessori, die die Kinderbetreuung neu gedacht hat, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der die Idee der Genossenschaftsbanken entworfen hat.

Heute zählen dazu Menschen wie Katja Urbatsch, die Nichtakademiker-Kinder zum Hochschulstudium ermutigt, Michael Stenger, der mit der Schlau-Schule minderjährige Flüchtlinge zum Schulabschluss führt, Raul Krauthausen, der mit einer Onlinekarte rollstuhlgerechte Orte markiert, oder Judy Korn, die mit dem Violence Prevention Network rechtsextremistische jugendliche Gewalttäter zur Rückkehr in die demokratische Gesellschaft befähigt.

Die entscheidende Frage ist: Wie geben wir solchen Menschen heute optimale Bedingungen für die Entfaltung ihrer Ideen?

Nochmals zum Begriff „Social Entrepreneur“. Die englische Bezeichnung ist oft sinnvoll, denn die Übersetzung „Sozialunternehmer“ ist missverständlich:

Es geht nicht um Leiter eines klassischen Sozialunternehmens, wie z.B. eines Krankenhauses. Vielmehr geht es um unternehmerische Gründerpersönlichkeiten, egal welcher Herkunft und Position: selbstverantwortlich, risikobereit und kreativ handelnde Menschen, deren Lösungen neuartig sind und umkrempelnde Wirkung haben, also Paradigmenwechsel und grundlegende Kulturwandel herbeiführen können.

Idee hat Priorität gegenüber Umsatzwachstum

Zudem steht nicht das Finanzierungsmodell im Vordergrund. Manche Social Entrepreneurs können sich nach der Startphase als sogenannte Social Businesses langfristig aus Erträgen eigener Dienstleistungen und Produkte finanzieren, z.B. Mikrofinanzinstitute. Andere kombinieren kreativ Erträge und unternehmerisch verwendbare Spenden und Förderungen, wie z.B. Gregor Hackmack, der Gründer des Transparenzportals abgeordnetenwatch.de.

Schließlich geht es auch nicht darum, andere Unternehmen als unsozial zu bezeichnen. Viele Wirtschaftsunternehmen handeln sozial. Aber Social Entrepreneurs priorisieren die Verbreitung einer Idee klar gegenüber dem Umsatzwachstum.

Nachahmer und Multiplikatoren sind ihnen deshalb – sofern die Qualität garantiert ist – nicht Konkurrenz, sondern willkommene Partner bei der sozialen Problemlösung. Ein Wirtschaftsunternehmen, das so dächte, würde sich über kurz oder lang überflüssig machen – genau darum geht es aber bei Social Entrepreneurs.

Eine (zu) kleine Spezialistengruppe

Wie also fördern wir Menschen wie Frank Hoffmann? Die Unterstützungsangebote für sie sind rar, denn sie benötigen eine wahre Gründerförderung: flexibel verwendbares Startkapital, professionelle Beratung und wertvolle Kontakte. Ashoka stellt genau das zur Verfügung. Frank Hoffmann ist einer der knapp 40 Ashoka Fellows in Deutschland. Er erhält ein LebenshaltungsStipendium für drei Jahre, Strategie-, Rechts- und Kommunikationsberatung durch ProBono-Unternehmenspartner, Kontaktanbahnung mit potenziell interessierten Stiftungen, Investoren, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern sowie die Vernetzung mit anderen Ashoka Fellows in Deutschland und international.

Das Unterstützerumfeld für Social Entrepreneurs ist bislang klein, wächst aber stetig: Wettbewerbe wie Start Social, Verbreitungsspezialisten wie Auridis und die Schwab Stiftung, Wirkungsmessungsexperten wie Phineo, Sozialinvestoren wie Bonventure und der Social Venture Fund, Unternehmen wie Boehringer Ingelheim und der Generali Zukunftsfonds und seit Neuestem die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit einem speziellen Investitionsprogramm.

Und auch deutsche Stiftungen – besonders die BMW Stiftung Herbert Quandt, die Vodafone Stiftung und die Siemens Stiftung – beschäftigen sich immer stärker mit Social Entrepreneurship sowie der sogenannten Venture Philanthropy – einer Unterstützung, die über die Bewilligung von Förderanträgen hinausgeht, die sich gemeinsam mit einer unternehmerischen Person ins Risiko begibt, über längere Zeiträume fördert und alle Beratungskapazitäten und Kontaktnetzwerke der Stiftung nutzt, um bei der Verbreitung einer Idee zu unterstützen. Interessierte Stiftungen organisieren sich mit anderen Organisationen seit 2004 in der European Venture Philanthropy Association (EVPA).

Sechs konkrete Wege, wie Stiftungen helfen können

Stiftungen und Social Entrepreneurs sind eigentlich die perfekten Partner: Unabhängiges Risikokapital kombiniert mit risikobereiten Persönlichkeiten, die gemeinwohlorientierte Konzepte mit Modellcharakter entwickelt haben und von Beginn an leidenschaftlich auf Verstetigung hinarbeiten. Im Herbst 2011 hat Ashoka in einer Studie sechs konkrete Ansätze zur Förderung von Social Entrepreneurship in Deutschland ausgearbeitet. Bei allen können Stiftungen eine entscheidende Rolle spielen:

  1. Innovative Finanzinstrumente: Die Start- und Wachstumsphase von Social Entrepreneurs folgt oft nicht der Logik und dem Zeithorizont von Projektförderungen. Alternative unternehmerische Finanzierungsinstrumente existieren bereits. Jetzt braucht es mutige Stiftungen und soziale Investoren, die sie ausprobieren. Die Begegnungsplattformen und wirkungsorientierte Berichtsstandards unterstützen, um zwischen Ideen- und Geldgebern langfristig Vertrauen für Experimente zu schaffen.
  2. Wirkungsorientierte öffentliche Mittelvergabe: Länder und Kommunen sollten Leistungen nicht durch Preiswettbewerb vergeben, sondern Wirkungsziele vorschreiben und erfolgsabhängig bezahlen. Wirkungsindikatoren dafür gibt es bereits, auch rechtlich und buchhalterisch ist das umsetzbar. Stiftungen und Kommunen sollten hier mit Projekten Neuland betreten und so innovativen Konzepten vor Ort eine echte Chance geben.
  3. Transferagenturen für soziale Innovationen: Universitäten haben Technologietransfer-Zentren, die wissenschaftliche Innovationen großflächig nutzbar machen. So etwas brauchen wir auch im Sozialsektor. Soziale Transferagenturen könnten in bestimmten Themengebieten erprobte soziale Innovationen, Umsetzer und geeignete Finanzierungsquellen zusammenbringen. Stiftungen wären mit ihrer Fachexpertise ideale Initiatoren für solche Agenturen.
  4. Soziale Innovationszentren: Viele Kommunen haben lokale Gründerzentren für die Wirtschaft. Auch das brauchen wir im Sozialsektor. Sie könnten Büroinfrastruktur, Dienstleistungen und Coaching für Sozialgründer bieten, Innovationen vor Ort einführen und den Kontakt zur Kommune erleichtern. Das Stiftungszentrum in München und Initiativen in Berlin und Köln haben bereits einen Anfang gemacht. Doch es bräuchte deutlich mehr dieser Strukturen.
  5. Kooperation von Wohlfahrtsverbänden und Social Entrepreneurs: Gemeinsam könnten Verbände und Sozialgründer Innovationen deutlich schneller dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Dafür sollten Stiftungen und Staat funktionierende lokale Kooperationen bekannter machen und Gastgeber sein für einen übergreifenden Meinungsaustausch beider Seiten – bis hin zu gemeinsamen Konferenzen zum Innovationsbegriff.
  6. Talentinitiative für den Sozialsektor: Fachkräfte aus der Wirtschaft sollten deutlich leichter Arbeitsaufenthalte im innovativen Sozialsektor absolvieren können. Das brächte Expertise in den Sozialsektor und unternehmerischen Geist in Unternehmen. Stiftungen könnten mit Austauschprogrammen hier Pionierarbeit leisten.

Stiftungen können auf diesen Wegen die Unterstützung für soziale Innovationen in Deutschland entscheidend weiterentwickeln – und zeigen, wie eindrucksvoll Bürger die Gesellschaft selbst mitgestalten können.

Über den Autor:

Rainer Höll ist Leiter der Fellowentwicklung bei Ashoka Deutschland. Er berät dort Social Entrepreneurs zu Wachstumsstrategien, Finanzierungsmöglichkeiten und Wirkungsmessung. Ashoka ist die größte Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs weltweit und unterstützt knapp 3.000 Ashoka Fellows in 80 Ländern.

Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich im Special „Social Entrepreneurship“ des Magazins DIE STIFTUNG (Ausgabe Dezember 2011). Wir danken dem Verlag und dem Autor für die Erlaubnis, den Artikel auf dieser Website zu verwenden.