Über den eigenen Tellerrand hinaus – und wie sieht ihre Alltagsrealität aus?

Es ist schon vertrackt, je mehr man sich mit einem Thema auseinandersetzt, um so mehr Aspekte fallen einem auf – manchmal scheint man zunächst wirklich nur die Spitze des Eisbergs erblickt zu haben. Barrieren im Alltag ist so ein Thema: Klar, Treppen stellen für Rollstuhlfahrer ein unüberwindliches Hindernis dar. Das ist offensichtlich, wenn auch nicht immer gegenwärtig bei treppensteigenden Wesen.

Aber auch das ist ja nur ein winziger Aspekt: So war vor einiger Zeit bei mir im Bus (immerhin ein Niederflurbus) eine Rollstuhlfahrerin mit elektrischem Rollstuhl unterwegs, kein Problem sollte man meinen. Bei der Haltestelle, an der sie ausstieg bzw. rausfuhr, gelang ihr dies allerdings nur Dank ihres erheblichem Manövriergeschicks: Die „Bushaltestelleninsel“ war so schmal, dass sie mit der Rückseite ihres Rollstuhls bereits an die Bushaltestellenbegrenzung stieß und mit den Vorderrädern noch auf der Rampe stand. Und das sind nur die – für Sehende – offensichtlichen Hürden im Alltag. Um wieviel schwerer ist es, nicht sichtbare Hürden wahrzunehmen, beispielsweise wenn es um Sprache geht.

Die Crux hierbei ist, dass Menschen – selbst wenn sie aus demselben linguistischen Sprachraum kommen – bei weitem nicht dieselbe Sprache sprechen müssen. Und dabei hat sicherlich schon jeder die leidvolle Erfahrung machen müssen, wie missverständlich Kommunikation sein kann, selbst wenn alle Gesprächsteilnehmer über einen vergleichbaren Wortschatz verfügen. Wenn der Wortschatz aber fehlt, die Sätze zu lang, die Wörter zu kompliziert und der Text insgesamt zu lang ist, kann Sprache zu einer unüberwindbaren Hürde werden – gerade im geschriebenen Wort, das keine Rückfragen ermöglicht. Und auch während ich dies schreibe, ist mir klar: Dieser Text ist alles andere als in leichter Sprache erstellt – auch wenn er nicht vor Fremdwörtern strotzt (viel zu lange Sätze mit Einschüben, die vorhandenen Fremdwörter sind nicht erklärt usw.). Aber das war auch nicht das Ziel, denn leichte Sprache ist wie eine eigene Sprache zu betrachten und kann/soll die Alltagssprache nicht ersetzen sondern sie ergänzen.

Sicherlich wird man immer wieder bei dem Blick über den Tellerrand auf neue Hürden und Barrieren stoßen, die für Teile der Mitmenschen problematisch sind und über dessen Ausmaß man selbst vielleicht noch gar nicht nachgedacht, es sich nicht bewusst gemacht, hat. Das bedeutet hingegen nicht, dass ich künftig nur noch Bücher in leichter Sprache lesen möchte oder aus falsch verstandener Solidarität nur noch im Dunklen esse, aber eine Aufmerksamkeit dafür zu entwickeln tut Not.

Der Weg zu einem für alle barrierefreien Alltag ist noch ein langer – aber man muss losgehen, um anzukommen. Ein Bewusstsein für Barrieren zu entwickeln – wo sie auch lauern mögen – damit ist der erste Schritt getan.

Arbeitsgruppe

Lebenhilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers

von Birgit Pscheidl, 17. April 2013