One size fits all oder Gender-Gesundheit?

 

Warum beispielsweise wird Jungen mehr Ritalin verabreicht als Mädchen? Warum wird ein Herzinfarkt bei Frauen nicht selten als Magenverstimmung oder als psychosomatische Störung diagnostiziert und damit lebensgefährlich bagatellisiert? Warum können Herzmedikamente oder Antidepressiva – in Studien als (nahezu) unbedenklich erwiesen – im weiblichen Organismus schwerwiegende Folgen auslösen? Frauen und Männer sind verschieden! So banal wie kompliziert. So kompliziert, weil sich ein männlicher und weiblicher Körper bis in die Zellstruktur unterscheiden.  Eine weibliche Leberzelle verfügt z.B. über andere Enzyme als eine männliche. Nicht nur das ein oder andere Bier, sondern auch Medikamente werden unterschiedlich verarbeitet.

Unzureichendes Studiendesign?

Während in den 1980er Jahren entzündungshemmende Wirkstoffe ausschließlich an männlichen Tieren und Patienten untersucht wurden, zeigt eine neuere Prüfung der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dass in der weiblichen Blutzelle schlicht das Testosteron fehlt, das es männlichen Blutzellen leichter macht, mit einer Entzündung fertig zu werden. Ein pharmazeutischer Wirkstoff hätte diese Rolle im weiblichen Organismus übernehmen und möglicherweise vielen an Allergien erkrankten Frauen das Leben erleichtern können. Dank einseitigen Studiendesigns, die weibliche Tiere und damit weibliche Blutzellen (wie selbstverständlich?) ausschloss, blieb eine Zulassung für den Wirkstoff versagt. Eine Fehlinvestition?

Auch Zahngesundheit lässt sich männlich und weiblich buchstabieren. So müssen mehr Frauen mit Karies zurechtkommen und im Alter den Zahnverlust früher hinnehmen als Männer, obwohl ihr Prophylaxeverhalten vorbildlicher ist.

Gender

Wie aber wird festgelegt, welche Behandlung und Therapie oder Präventionsmaßnahme die „Richtige“ ist und damit in die Erstattung aufgenommen wird? Das Patientenwohl immer fest im Blick. Das Gespräch zwischen Arzt und Patient wird sehr unzureichend honoriert, eine radiologische – also gerätegesteuerte – Untersuchung dagegen umso mehr.  Welche Kriterien liegen Forschung und Studiendesign zugrunde? Wie würde sich die medizinische Ausbildung gestalten (einen Reformstudiengang an der Charité gibt es schon) und wie würden sich Strukturen und Hierarchien im stationären oder niedergelassenen Bereich entwickeln, gäbe es auch hier eine repräsentative Anzahl von Frauen auf den Entscheidungsposten?

Welchen Verlauf nähmen Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse? Welche Vorteile hätte das auch für junge Ärzte, die z.B. aktiv am Familienleben teilhaben möchten? Wie wäre es um das Prestige des Pflegeberufs bestellt, würden – nur mal angenommen – hierarchische Grenzen durchlässiger und assistierende Leistung besser honoriert; finanziell als auch in Form professioneller Anerkennung?

Die oft bemühte „Feminisierung in der Medizin“ scheint noch gar nicht richtig begonnen zu haben, wenn in erfreulich ausgewogenem Verhältnis noch 50 Prozent der Doktoranden weiblich sind, der Anteil an Chefärztinnen dann auf rund 10 Prozent schrumpft und die W3/C4-Professuren nur zu 5,6 Prozent an Frauen vergeben werden.  Führende Positionen in Fachgesellschaften (selbst im Bundesverband der Frauenärzte) sind noch immer sehr sparsam mit Frauen besetzt. Ähnlich sieht es bei den Vorständen in Krankenkassen aus.

Die Praxis der pflegerischen Versorgung ist seit jeher weiblich geprägt. Zukünftig wird aber auch die medizinische Versorgung überwiegend in der Hand von Ärztinnen liegen. Dennoch ist die letztendliche Entscheidungshoheit im deutschen Gesundheitswesen – in Politik, For­schung und Verwaltung – nach wie vor überwiegend männlich dominiert. Das wäre für die Qualität der Versorgung unproblematisch, wenn sich nicht – wie Wissenschaft und For­schung  in den letzten Jahren eindeutig nachgewiesen haben – männliche und weibliche Gesund­heit signifikant voneinander unterscheiden würden, und wenn nicht die Versorgungsreali­tät der Zukunft zwangsläufig auch auf sich wandelnde gesellschaftliche Anforde­rungen, beispielsweise zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, reagieren müsste. Es gibt also zahllose wichtige Gründe, Gesundheit und Versorgung zukünftig männlich und weib­lich zu denken.

Am 21./22. März 2013 findet der 1. Bundeskongress Gender-Gesundheit in Berlin statt. Die Veranstaltung setzt sich zum Ziel, die unterschiedlichen Zugänge und Versorgungsnotwendigkeiten beiderlei Geschlechter in den Fokus zu nehmen und damit eine möglichst zielgenaue Versorgungseffizienz erreichen.

von Dr. Martina Kloepfer, 8. März 2013