Auf vier Pfoten in der Arztpraxis: Blindenführhund Portis berichtet von seinem Arbeitsalltag

Ich heiße Portis, sechs Jahre alt. Ich bin der Blindenführhund von Karina Wuttke. In meinem weißen Führgeschirr laufe ich immer an ihrer linken Seite. Das Geschirr ist ein Verkehrsschutzzeichen, also liebe Autofahrer Vorsicht! Wenn wir an der Straße stehen und überqueren wollen, dann hilft kein Hupen und Winken, sondern kurbelt das Fenster herunter und sprecht uns an, oder fahrt einfach weiter. Denn wir warten, bis es wirklich ruhig ist und wenn Karina mir das Hörzeichen „rüber“ gibt, können wir die Straße überqueren. Ich habe während meiner Ausbildung rund 30 Hörlaute gelernt. Ich suche die Ampel, den Briefkasten und auch an Bordsteinkanten habe ich gelernt stehen zu bleiben. Ich bin ein Lotse auf vier Pfoten und geleite Karina elegant um Hindernisse herum, damit sie sich nicht am Kopf verletzen kann. Ich begleite Karina überall hin. Sogar zum Arzt. Obwohl Tiere in Arztpraxen nicht erlaubt sind. In meinem Fall ist das etwas anderes.

Ich bin genauso wichtig wie ein Rollstuhl, für jemanden der nicht laufen kann. Ich ersetze die Augen von Karina. Ich bin ja an meinem weißen Führgeschirr zu erkennen. Der Augenarzt hat mich auf Rezept verschrieben, weil ich das einzige lebendige Hilfsmittel bin. Meine Kollegen und ich sind anerkannte Hilfsmittel. Wir sind sogar im Hilfsmittelkatalog eingetragen. Karina führt ein eigenständiges Leben. Sie ist mobil und von ihrer sehenden Umwelt unabhängig. Also gehen wir auch zum Arzt. Ich sitze mit ihr im Wartezimmer und bin da immer die Attraktion. Andere Patienten wollen immer viel über uns wissen. Vor allem über meine positive Ausbildung und wie wir so unseren Alltag meistern. Während ich arbeite, darf keiner mich streicheln oder mit mir spielen. Wenn Karina untersucht wird, bleibe ich artig bei ihr liegen. Manchmal warte ich im Anmeldebereich auf die Rückkehr von Karina. So lerne ich den Zahnarzt, den Ohrenarzt und auch den Urologen kennen. Sie haben interessante Werkzeuge. Diese würde ich gern mal apportieren, darf das aber nicht, weil andere Menschen auch gesund werden sollen. Barrierefreiheit ist sehr wichtig für blinde Menschen.

Ich führe auch Karina im Supermarkt. Viele Menschen wissen leider wenig über Blindenführhunde. Oft wollen Sie Karina und mich nicht in das Geschäft, die Arztpraxis oder ins Restaurant lassen. Sie verwähren uns aus Unwissenheit den Zutritt. Dabei weise ich jetzt auf folgende Fakten hin:

Nach §33 des Sozialgesetzbuchs, fünftes Buch, sind Blindenführhunde als medizinisches Hilfsmittel anerkannt, vergleichbar mit einem weißen Blindenlangstock bzw. einem Rollator. (Produktgruppe 99 des Hilfsmittelkatalogs)

Mich hat die Krankenkasse finanziert, Karina hat für mich die Aufsichtspflicht. Wenn sie diese verletzt, wird sie keinen Hund mehr erhalten. Deshalb darf sie mich nicht vor einer Tür oder sogar auf der Straße zurücklassen. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vom 14. August 2006 stellt ein generelles Verbot der Mitnahme eines Blindenführhundes oder eines anderen Assistenzhundes eine unzulässige Diskriminierung im Sinne von § 3 Abs. 2, 19 AGG dar. Dies gilt trotz eines generellen Verbotes zur Mitnahme von Hunden und auch der Regelungen zum Hausrecht.

Karina geht regelmäßig mit mir zum Tierarzt. Schon 1996 attestierte Prof. Henning Rüden vom Hygieneinstitut der Freien Universität Berlin Führhundhalterinnen und Führhundhaltern Zutritt in Arztpraxen. Wenn ich eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus betrete, muss ich mein weißes Führgeschirr tragen. Ich darf nur gesund eine Arztpraxis betreten. Dafür gibt es auch meinen Impfausweis, den Karina im Rucksack mitführt. Ich habe sogar Kollegen, die regelmäßig Besuche in Seniorenheimen absolvieren. Eine Mitarbeiterin einer solchen Einrichtung hat Karina mal gesagt, überall wo man mit Straßenschuhen unterwegs ist, sollten Blindenführhunde ungehindert ihren Dienst ausführen.

In meiner Freizeit trage ich das Führgeschirr nicht. Da spiele ich mit meinen vierbeinigen Freunden. Treffe andere Menschen und tobe gern in meinem Garten.

Doch der Tierarzt, mein Futter und viele weitere Dinge müssen auch bezahlt werden. Dafür setzt sich die Stiftung Deutsche Schule für Blindenführhunde ein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie uns dabei unterstützen.

Bildnachweis: Stiftung Deutsche Schule für Blindenführhunde

Bildnachweis: Stiftung Deutsche Schule für Blindenführhunde

von Portis, 20. September 2013