Ärzte mit Social Media rekrutieren?

Beim Hauptstadtkongress trifft sich alljährlich die Creme de la Creme der Gesundheitswirtschaft. Heißt es. Die „großen Fragen“ kommen zur Sprache: Wohin bewegt sich die Branche? Wie sehen die Experten die Chancen und Risiken aktueller Entwicklungen?

Ich durfte dort ein paar Gedanken zu den Herausforderungen vortragen, die die neuen Sozialen Medien im Internet für die Gesundheitswirtschaft bringen. Ehrlich gesagt, dachte ich mir, dass mittlerweile nun doch die Mehrzahl der Anwesenden im Fachpublikum um die Grundlagen von Internet, Internetnutzung, -nutzern und dergleichen wissen. Ich wollte mir deshalb mal einen kleinen Blick nach vorne gönnen.

Mahnungen zur Vorsicht im Umgang mit Facebook und Co. reißen nicht ab. Das ist ja auch richtig, denn wie bei jedem leistungsfähigen Werkzeug kann man sich auch damit leicht schwer verletzen. Zu schnell kann ein so genannter „Shitstorm“ den guten Ruf von Unternehmen und Medizinern verkratzen. Viel schneller als in der medialen Steinzeit, als Mundpropaganda noch von Mensch zu Mensch lief. Und das – ich darf abschweifen? – ist ja auch das eigentlich Neue an den nun nicht mehr so neuen Medien: Der Unterschied zur Zeit vor Facebook & Co. ist weniger strukturell als vielmehr graduell: tratschen, tuscheln, turteln, zanken, stänkern, lügen, verleumden und loben – das machen die Menschen seit jeher. In Stadt und Land. Das neue ist die Intensität, Schnelligkeit, Reichweite. Was früher weitgehend im Rahmen von eins-zu-eins-Kommunikationsbeziehungen verlief, das ist mit dem Web nun skalierbar und wird skaliert (wie jedes potente Geschäftsmodell). An die Stelle vieler kleiner eins-zu-eins-Beziehungen tritt nun die exponenziell gesteigerte Verbreitung von eins-zu- hundert-, ja eins-zu-tausend-Beziehungen. Kritische Massen sind schneller erreicht.

Die Büchse der Pandora ist offen

Damit lässt sich nun leichter, vor allem aber effizienter loben wie auch verleumden. Eine gute Reputation ist jedoch die Grundvoraussetzung für den Erfolg bei der Rekrutierung von Mitarbeitern, beim Zuweisermanagement und gegenüber der Öffentlichkeit.

Nun hilft kein Jammern und kein Wehklagen, auch diese Büchse der Pandora ist geöffnet. Einen Weg zurück in die „gute alte Zeit“ gibt es nicht. Sich herauszuhalten bringt rein gar nichts. Ein „Shitstorm“ kann über jeden hereinbrechen, ob er nun selbst im Social Web aktiv ist oder nicht. Nicht mitmachen heißt hier nur, dass andere über einen reden, ohne dass man selbst mitreden kann – schlimmstenfalls bekommt man es viel zu lange gar nicht mit. Deshalb kann die Devise nur sein, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen, sich in die Diskussionen einzuschalten und aktiv eigene Plattformen zu schaffen. Ich plädiere nicht dafür, jeden Hype, jede Dummheit mitzumachen. Wohl aber mit kühlem Kopf auch die neuen Chancen zu ermitteln, auch jenseits des Tellerrands.

Hat man erstmal diesen Schritt gemacht, bieten die Sozialen Medien eine Fülle von neuen und aufregenden Möglichkeiten für Akteure der Gesundheitswirtschaft.

Neben der eigentlichen Öffentlichkeitsarbeit lassen sich via Social Media Fundraising-Aktionen organisieren, Patienten und Kunden gewinnen und dauerhaft binden sowie – und dies will ich noch etwas näher ausführen – qualifizierte Mitarbeiter rekrutieren.

Den Personalnotstand durch Soziale Netzwerke beheben? 

Denn die Mitarbeiter-Rekrutierung, das ist zweifellos eine der aktuellen Problemzonen insbesondere im stationären Sektor und der Pflege. Die Lösung wird meist im Anwerben ausländischen Fachpersonals gesehen. Ich gehe an dieser Stelle mal nicht auf die offensichtlichen Probleme ein, wie etwa die zutiefst heterogene Praxis in den einzelnen Ländern mit Blick auf die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, die Fremdsprach-Problematik, und das eine oder andere Cultural Gap.

Über Ärzte- und Fachkräftemangel muss ich also kein Wort verlieren. Die Frage, wie man in dieser Situation gezielt qualifizierte Leute im Ausland anwerben kann, stellen sich seit Jahren die Weisen aus Gesundheitspolitik und -wirtschaft. Eine neue Antwort könnten hier tatsächlich die Sozialen Medien liefern. Hier tauschen sich Menschen über ihre Fähigkeiten und Erfahrungen, ihre Interessen und Wünsche aus. So kann man passende Zielgruppen oder sogar einzelne Kandidaten ausfindig machen und direkt ansprechen.

Nehmen wir als Beispiel Ost- und Südosteuropa – der inzwischen klassische Rekrutierungsraum für medizinischen Nachwuchs. In Serbien etwa sind 3,6 Millionen Menschen bei Facebook aktiv. Das ist die Hälfte der Bevölkerung des Landes. Besonders die junge, flexible und hochqualifizierte Bevölkerungsschicht nutzt das Netzwerk für die alltägliche Kommunikation, zur Unterhaltung und Information. Ähnlich ist die Lage in den meisten fraglichen Ländern (siehe Grafiken).

Natürlich ist die Ansprache serbischer Medizinstudenten oder Jungmediziner nicht einfach. Allein die Sprach- und Kulturbarriere muss erstmal genommen werden. Doch fast jedes größere Unternehmen hat mittlerweile den einen oder andere Mitarbeiter mit dem einen oder anderen Migrationshintergrund. Und mit Kontakten in die alte Heimat, mit ehemaligen Kommilitonen und so weiter. Genau hier finden Arbeitgeber die Kenntnisse, um diese Barrieren zu überwinden: Sprachkenntnisse, Kontakte.

So könnte ein neuer Weg geebnet werden, die Zielgruppen und ihre Treffpunkte im Netz zu identifizieren. Und zu erreichen. Obacht allerdings: Vielfach reagieren die Menschen insbesondere in den Sozialen Netzwerken ungehalten auf kommerzielle Interessen bei der Kontaktaufnahme. Hierzu bedarf es eines gewissen Fingerspitzengefühls. Fakt ist: Die Netzwerke bieten im Augenblick die beste Möglichkeit, zielgenaues Recruiting durchzuführen. Auch über den Tellerrand der herkömmlichen Prozesse und Akteure hinaus.

von Dr. Peter Müller, 18. Juni 2013


Allin1Social / Stiftung Gesundheit

Allin1Social / Stiftung Gesundheit


Allin1Social / Stiftung Gesundheit

Allin1Social / Stiftung Gesundheit